"Ich wurde mit zwölf Jahren zum ersten Mal gezwungen, einen Menschen zu töten." Ohne äußere Regung erzählt Samuel einen Teil seiner Lebensgeschichte. Als er elf Jahre alt war, erschossen Rebellen von der "Nationalen Patriotischen Front" seine Eltern und nahmen ihn mit. Samuel bekam eine "Ausbildung" an der Waffe und wurde gezwungen, an der Front zu kämpfen und sich an Überfällen zu beteiligen. Er hat den Bürgerkrieg in Liberia überlebt - viele seiner Freunde nicht.
Mehr als 300 000 Kinder werden derzeit weltweit als Soldaten missbraucht. Rebellen, Milizen und Regierungen rekrutieren sie - nicht selten direkt vom Schulhof -, weil sie "lenkbarer" und "billiger" sind. Kindersoldaten kämpfen in Liberia, Sierra Leone, im Kongo, in Uganda und im Sudan, auf den Philippinen, in Kolumbien und Peru. Kindersoldaten werden als Spione, Minensucher oder an vorderster Front eingesetzt. Auch Mädchen werden rekrutiert. Sie werden von den Soldaten fast immer sexuell ausgebeutet. Mehr als zwei Millionen Kinder sind in den vergangenen zehn Jahren in Kriegen und Bürgerkriegen umgekommen. Zehn Millionen Kinder leiden unter Krieg und seinen Folgen. Sie sind traumatisiert, weil sie ihre Familie und ihr Zuhause verloren haben, Grausamkeiten mit ansehen mussten oder selbst verletzt worden sind.
In Liberia kamen während des siebenjährigen Bürgerkrieges 200 000 Menschen um, fast zwei Millionen Menschen flohen - das ist mehr als die Hälfte der Einwohner Liberias. Verantwortlich für den Krieg in Liberia und die Kämpfe in Guinea und Sierra Leone ist vor allem ein Mann: Charles Taylor, der Ex-Präsident von Liberia. Er putschte 1989 mit einer Truppe von Mörderbanden und löste damit den Bürgerkrieg aus. Seither missbrauchen "Warlords" Kinder und Jugendliche im Kampf um die Macht. Anfang 2003 flammte der Bürgerkrieg erneut auf. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 50 Prouent der Kämpfer Kinder und Jugendliche sind. Eine ganze Generation wird in Liberia um ihre Zukunft betrogen.
In dem vom Bürgerkrieg gezeichneten westafrikanischen Land Liberia entwaffnet zurzeit die weltweit größte UN-Friedensmission Tausende von ehemaligen Kämpfern und Rebellen, darunter viele Jugendliche und Kinder. Dort kämpfen seit 1989 fast ununterbrochen verschiedene Rebellenführer um die Macht. Mindestens 200 000 Menschen starben in diesem Bürgerkrieg, zwei von drei Liberianern mussten fliehen. Die Zahl der Kindersoldaten in Liberia wird auf mindestens 20 000 geschätzt. Seit dem Abgang des ehemaligen Präsidenten Charles Taylor im August 2003, dem Friedensvertrag von Accra und der Stationierung der UN-Truppe haben die Menschen wieder Hoffnung auf ein friedlicheres Leben. Doch viele Menschen sind schwer traumatisiert. Besonders Kinder und Jugendliche, die in ihrem bisherigen Leben nur Krieg und Gewalt kennen gelernt haben, brauchen Hilfe, damit sie einen Weg zurück ins Leben finden.
Die Diözese Gbarnga im Norden Liberias bildet an verschiedenen Orten ehemalige Kindersoldaten und andere von den Bürgerkriegswirren betroffene Jugendliche aus, um ihnen eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Seit 1998 betreibt die Diözese in Yekepa und Sanniquellie verschiedene Lehrwerkstätten für Schreiner, Automechaniker, Maurer und Gartenbau. Dort erhalten jeweils 100 junge Leute eine zweijährige - an die konkreten Bedürfnisse und Gegebenheiten des liberianischen Marktes angepasste - Ausbildung. Der überwiegende Teil des Trainings findet auf Baustellen und mit bezahlten Produktionsaufträgen statt. So renovieren sie zum Beispiel zerstörte Häuser oder erwecken eines der vielen altersschwachen Taxis in der diözesanen Autowerkstatt zu neuem Leben. Einige der ehemaligen Lehrlinge haben sich nach der Ausbildungszeit zu Handwerkergruppen zusammengeschlossen und sich selbstständig gemacht - ausgestattet mit Werkzeugkisten und etwas Startkapital.
Während der letzten Kämpfe sind die Lehrlinge nicht zu den Rebellen zurückgegangen. „Unsere Schüler sehen jetzt einen Sinn in dem, was sie tun, und sie wissen, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können“, sagt John Lucky, einer der Ausbilder. Handwerkliches Wissen wird für den Wiederaufbau Liberias dringend gebraucht.
Während der Kämpfe im Jahr 2003 haben Lehrlinge die Werkstätten geschützt, statt sich den Rebellen anzuschließen. Das handwerkliche Wissen, das sie erworben haben, kann ihnen niemand mehr nehmen. Für den Wiederaufbau wird es dringend gebraucht. Die berufliche Reintegration von ehemaligen Kindersoldaten und anderen vom Bürgerkrieg betroffenen Jugendlichen ist ein Hauptschwerpunkt der Arbeit MISEREORs in Liberia. MISEREOR setzt sich zusammen mit der Kirche in Liberia auch für die Kinder und Jugendlichen ein, die durch den Krieg zu Flüchtlingen geworden sind.
Dieser Artikel auf http://www.misereor.de
Quelle: Misereor
Weitere Informationen über das Projekt auf www.misereor.de (pdf)
Home: http://www.garnichts.net